HOT JOBS der Region:

loading
Jobsuche läuft...

    Jobs suchen:

    zur Detailsuche

    Kultur & Freizeit

    Dostal Christoph, Foto: Christoph Dostal, Tiziana Orsini

    Wiener Schmäh, Zauberei & Kannibalen

    Interview geführt von Sonja Knotek

     

    2700: Sie adaptierten zwei der sogenannten Brenner-Romane von Wolf Haas für die Bühne. Wie haben Sie das umgesetzt?

    Dostal: Es ist alles auf ein Minimum reduziert. Meine Grundidee oder Herausforderung war: Was kommt dabei heraus, wenn ich mich alleine auf die Bühne stelle und versuche, einen ganzen Roman zu spielen? Ich habe keine Zeit für Kostümwechsel, ich kann auch nicht von der Bühne abgehen. Es kommen aber zehn Figuren vor, die ich mit veränderter Stimme und veränderter Mimik spielen muss. Diese müssen aber so klar auf der Bühne definiert sein, dass sie vom Zuschauer erkannt werden. Ich finde es äußerst spannend, mit minimalen Mitteln eine maximale Wirkung zu erzielen. Beim Knochenmmann habe ich zum Beispiel als Requisiten genau zwei Dinge: einen Knochen und einen Sessel, sonst nichts. Weiters war mir wichtig, dass der Originaltext von Wolf Haas erhalten bleibt. Wenn Sie einen Roman von Wolf Haas lesen, wird Ihnen auffallen, dass im Film fast nichts vom Originaltext erhalten bleibt. Manchmal spricht Wolf Haas selbst als Offstimme Passagen aus dem Buch. Die Romane selbst werden aber zur Gänze zu einem Drehbuch umgeschrieben.

    2700: Das heißt, es gibt bei Ihnen auch erzählerische Passagen? Oder wechseln sich die Figuren einfach ab.

    Dostal: Es gibt in den Romanen natürlich einen Erzähler. Nicht Brenner, sondern ein ominöser Erzähler ist die Hauptfigur.
    Er ist ein vorauswissender Erzähler, der dem Zuschauer sagt: „Jetzt pass´ auf, jetzt wird es interessant!“ Das sind genau die Passagen von Wolf Haas, die mich fasziniert haben. Wenn ich das lese, fühle ich mich selbst angesprochen. Daher dachte ich mir: Wenn ich also auf der Bühne stehe und genau das sage, muss sich der Zuschauer doch auch angesprochen fühlen! Und genauso war es auch. Das heißt, es gibt einen Erzähler und zehn verschiedene Figuren, zwischen denen ich ständig hin und her wechsle. Ich bin dabei schwarz angezogen und mache alles über Stimme, Mimik und Körperhaltung. Es sind auch teilweise Tanzpassagen dabei, doch es ist kein Tanztheater. Aber da ich vom Tanz komme, konnte ich nicht widerstehen: Wenn sich Simon Brenner zum Beispiel verliebt, beginnt er einen Liebestanz mit diesem Sessel. Auf diese Weise erreiche ich eine andere Erzählebene.

    2700: Was fasziniert Sie eigentlich so an der Figur Simon Brenner?

    Dostal: Am Brenner selbst fasziniert mich eigentlich nicht viel, das ist im Prinzip ein österreichischer, melancholischer „Grantscherm“-Columbo. Was ich jedoch faszinierend finde, ist die Sprache von Wolf Haas – der schwarze Humor, dass man nicht nur munter drauf los lacht, sondern unter jedem Scherz die Leichen liegen. Das sagt sehr viel über unsere Gesellschaft aus. Diese Witze sind immer auch gesellschaftskritisch, sie geben zu denken. Das sind nicht einfach nur Schenkelklopfer.

    2700: Wie würden Sie Ihre Bühnenprogramme beschreiben?

    Dostal: Meine beiden Programme haben durchaus kabarettistischen Charakter. Was sie aber von Kabarettprogrammen unterscheidet ist, dass sie ihren Ursprung in Literatur haben, jetzt aber lebendig und die Figuren zum Leben erwacht sind. Der eklatante Unterschied zu einem klassischen Kabarettprogramm ist für mich, dass meine Aufführungen nicht nur aus aneinandergereihten Sketches bestehen, wo die Aufmerksamkeitsspanne nur wenige Minuten dauert. Bei mir wird von A bis Z eine durchgehende Geschichte erzählt. Die Spannung spitzt sich zu, man will wissen, wer der Mörder ist. Es wird immer dramatischer, aber auch immer komischer.

    2700: Das erinnert mich stark an Josef Haders Programm „Hader muss weg!“.

    Dostal: Ja, genau. Das ist für mich allerdings schon fast kein Kabarett mehr, sondern ein Theaterstück. Er macht das genauso: Er hat ein Kostüm, mehrere Charaktere, er erzählt eine durchgehende Geschichte, einen Krimi auf der Bühne. Nur hat er sein Programm eben selbst geschrieben und ich habe die Originalvorlage von Wolf Haas verwendet.

    2700: Haben Sie das Gefühl, in Ihrer Laufbahn den Höhepunkt schon erreicht zu haben? Wenn nicht, wo denken Sie, dass dieser liegt?

    Dostal: Gerade in meinem Metiér ist es sehr gefährlich, auf einen Moment hinzuarbeiten. In unserem Beruf wäre das vielleicht der Oscar. Dies ist die höchste Auszeichnung, die ein Schauspieler erreichen kann. Man hat jedoch schon in vielen Fällen gesehen, dass genau nach diesem Oscar eine sehr schwierige Phase für die Preisträger eintritt. Sie haben schon alles erreicht und daher werden sie für gewisse Rollen gar nicht mehr in Erwägung gezogen, weil man glaubt, sie würden derartiges ohnehin nicht mehr annehmen. Und auf einmal sind sie von der Bildfläche verschwunden. Für mich ist wichtig, dass ich mir selbst treu bleibe und mir die alltägliche Arbeit Freude bereitet. Dann ist vielleicht irgendwann der Weg das Ziel.

    2700: Sie haben Vorstellungen in Österreich, Deutschland und Amerika gegeben. Welche Unterschiede konnten Sie im Publikum feststellen?

    Dostal: Es waren alle Aufführungen sehr erfolgreich, es herrschte tolle Stimmung und die Kritiken waren gut. Die schwierigste Aufführung für mich war jene in New York. Damals hat mich niemand davor gewarnt, dass die New Yorker irrsinnig ungeduldig sind, sie haben keine Zeit. – und wenn sie nicht sofort das bekommen, was sie sich erwartet haben, dann gehen sie einfach. Ich bin mit „Wie die Tiere“ dort gewesen. Die ursprüngliche Version hat zwei Stunden gedauert. Niemand hat mir gesagt, dass das für New York zu lang ist. Im Laufe dieser Tournee habe ich das Stück dann von zwei auf eine Stunde gekürzt. Weiters waren in Amerika auch Exilösterreicher im Publikum, die eine sehr nostalgische Vorstellung von Österreich hatten, die in Richtung Sisi-Zeit ging. Sozialkritik und schwarzen Humor wollten diese Menschen nicht hören. Das junge Publikum hat die Vorstellungen wiederum geliebt.

    2700: Was war die aufregendste Vorstellung, die Sie je erlebt haben?

    Dostal: Im Dschungel von Papua Neuguinea habe ich vor einem Kannibalenstamm Zauberaufführungen dargeboten. Das war für mich die bis jetzt spannendste Aufführung, denn in diesem Moment ist es wirklich um Leben und Suppentopf gegangen. Diese Menschen hatten noch niemals zuvor einen Weißen gesehen. Am Anfang haben sie mich defensiv beobachtet. Ich wusste nicht, ob sie überhaupt Humor verstehen. Und da saßen irgendwelche Krieger halb nackt vor mir, mit Wildschweinhauern durch die Nasenflügel, und ich wusste nicht, wie sie reagieren würden. Ich musste die Stimmung in dieser Strohhütte also allein durch Blicke und Gesten zum Kippen bringen, damit sie merkten, dass ich ihnen nichts Böses tun wollte. Und das hat, Gott sei Dank, funktioniert. Sie haben dann alle gelacht, haben alles verstanden. Und dann war natürlich der Bann gebrochen.

    2700: Sie decken mit Ihrer Kunst viele Bereiche ab: Film, Fernsehen, Bühne und Tanz. Gibt es zwischen diesen vier Formen Gemeinsamkeiten oder eklatante Unterschiede?

    Dostal: Ein Unterschied von Schauspielerei auf der Bühne und im Film ist, dass das Spiel auf der Bühne größer ist. Beim Film ist die Kamera ganz nah und jeder feinste, minimalste Ausdruck wird vom Zuseher wahrgenommen. Vor der Kamera kann man daher nicht so spielen wie auf der Bühne, das wäre unglaubwürdig, völlig irrwitzig sogar. Tanz und Schauspiel sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Im Tanz selbst gibt es unterschiedlichste Kategorien oder Facetten. Ich beschäftige mich mit zeitgenössischem Tanz. Der Unterschied zwischen modern und zeitgenössisch ist, dass modern den klassischen modernen Tanz am Beginn des 20. Jahrhunderts meint. Beim Ballett, das aus dem französischen Hofballett stammt, sind die Bewegungen sehr limitiert und eingeschränkt. Das wurde mit der Zeit aufgebrochen und der Tanz ausdrucksstärker. Man konnte schließlich auch seinen Schmerz zeigen und skurrile Verrenkungen machen. Mit der Zeit wurde es immer zeitgenössischer, das heißt, dass auch Alltagsbewegungen in den tänzerischen Ausdruck Einzug hielten, dass Tanz zu einem wirklichen Ausdrucksmittel wurde und nicht nurmehr romantisiertes Ballett war.

    2700: In welchem dieser vier Bereiche können Sie sich persönlich am besten ausdrücken?

    Dostal: Ich versuche, dass mir immer das am besten gefällt, was ich gerade mache, dass ich wirklich im Moment und mit Leidenschaft dabei bin – und das sind momentan meine Soloprogramme. Was mir daran so gefällt ist, dass ich mein eigener Chef bin. Als Schauspieler und Tänzer ist man manchmal nur ausführendes Instrumentarium des Regisseurs oder Choreografen. Wenn ich aber eine eigene Produktion mache, habe ich eine Vision und eine Idee, die ich selbst entwickeln kann.

    2700: Woran arbeiten Sie momentan?

    Dostal: Ich komme gerade von einer Tour durch Amerika, wo ich „Wie die Tiere“ gespielt habe. Das hat ungefähr ein Jahr Vorbereitungszeit beansprucht, da das Programm ins Englische übersetzt werden musste. Die Herausforderung dabei war: Funktioniert das auch im amerikanischen Kulturraum? Verstehen sie unseren Humor? Kommt der Haas-Schmäh dort überhaupt an? Die Vorstellungen kamen sehr gut an und haben mir Angebote von Managements eingebracht. Und deshalb werde ich mehr Zeit in den USA verbringen müssen. Ich bin gerade dabei zu organisieren, wie ich dieser Bitte nachkommen kann. Ich habe in Österreich und Deutschland immer noch meine Auftritte, aber dazwischen möchte ich eben vermehrt in den USA aktiv werden. Weiters bin ich mit meinen Programmen nach Mexiko eingeladen worden, was mich sehr freut – dort spiele ich allerdings auf deutsch, nicht auf spanisch.

    2700: Was sind die nächsten Auftritte in Österreich?

    Dostal: Im Mai spiele ich in Mexiko, am 10. Juli bin ich mit dem Knochenmann in Reichenau. Anschließend muss ich wieder in die USA. Ein neues großes Projekt von mir ist ein Dokumentarfilm, den ich als Regisseur über meinen ersten Tanzlehrer Bob Curtis drehe, der jetzt 83 Jahre jung ist. Curtis wurde 1925 als eines von 18 Kindern in Mississippi geboren und arbeitete auf den dortigen Baumwollplantagen. Sein Vater wurde vor 125 Jahren noch als Sklave geboren. Die Dokumentation spannt den Bogen von der Geburt seines Vaters als Sklave bis zum Jahr 2008, in dem Barack Obama als erster afro-amerikanischer Präsident gewählt wurde. Was sich in diesen 150 Jahren aus der Sicht des Tanzes getan hat, ist Gegenstand dieser Doku.

    2700: Wann wird dieser Film fertig sein?

    Dostal: Ich arbeite seit 3 Jahren still und heimlich daran, habe bis jetzt 65 Stunden Material auf drei verschiedenen Kontinenten gedreht. Ich habe tolle Interviews in New York, Chicago, Afrika, Europa und Italien gemacht. Ich schätze, nächstes Jahr, 2010, wird er fertig sein.

    2700: Mit welcher Person, egal ob real oder nicht real, tot oder lebendig, würden Sie gerne einmal einen Tag verbringen?

    Dostal: Da gibt es natürlich unzählige Personen. Ich würde mir fünf Minuten mit dem Herrn Obama wünschen – denn ein Tag würde sich bestimmt nicht ausgehen. Ich würde mir wünschen, dass er in meinem Film ein kurzes Statement zu dieser geschichtlichen Entwicklung abgibt. Jene Leute, um die es in meinem Film geht, haben als Pioniere den Weg dafür geebnet, dass es überhaupt möglich werden konnte, dass Barack Obama Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika geworden ist.

    2700: Wenn Sie in der Welt eine Sache verändern könnten, welche wäre das?

    Dostal: Ich würde mir mehr Offenheit dem Fremden gegenüber wünschen, ein Interesse am Fremden. Ich kenne die Angst vor dem Fremden nicht, ich habe eigentlich immer eine Leidenschaft verspürt, alles, was fremd ist, kennenzulernen und davon lernen zu können. Es ist eine unglaubliche Bereicherung – egal, ob man eine fremde Sprache lernt oder in eine fremde Kultur einzutauchen. Es passiert ein Austausch und dadurch werden zahlreiche Barrieren und Vorurteile abgebaut. Das würde uns alle unglaublich weiterbringen.

    2700: Vielen Dank für dieses interessante Gespräch!

    Dostal in Reichenau:

    Freitag 10. Juli 2009, 19.30 Uhr,
    Schloss Wartholz
    Tickets: 02666/52289

    Zur Person

    Christoph Dostal, geboren 1972 in Niederösterreich, absolvierte eine Ausbildung am Konservatorium der Stadt Wien. Mit einem Stipendium des Bundesministeriums für Kunst und Unterricht ging Dostal nach Großbritannien, wo er an der „London Contemporary Dance School“ Choreografie und Tanz studierte. Insgesamt verbrachte er fünf Jahre in Großbritannien und war bei diversen internationalen Tanzkompanien als Tänzer dabei. Danach wechselte Dostal zum Film und wirkte in den Produktionen „In just 89 Seconds“, „Sword of Honour“ und „The Waiting Time“ mit. Sein Leinwanddebüt hatte Dostal in der Hauptrolle des österreichischen Kinofilms „Ich gelobe“ unter der Regie von Wolfgang Murnberger. Im Fernsehen war Dostal in diversen Beiträgen auf ZDF, SAT 1 und ORF zu sehen. Star-Regisseur Steven Spielberg engagierte ihn für seine TV-Reihe „Band of Brothers“. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland startete Dostal im Jahr 2003 mit „Der Knochenmann“ sein erstes Soloprogramm, indem er den gleichnamigen Wolf Haas-Roman für die Bühne adaptierte. Danach wagte sich Dostal an die Bühnenfassung des Wolf Haas-Romans „Wie die Tiere“, die seit dem Jahr 2007 zu sehen ist. Parallel dazu arbeitet Dostal an seinem Filmregiedebüt: einer Dokumentation über die Tanzlegende Bob Curtis.
     

    „Wie die Tiere“ – die Handlung

    Privatdetektiv Simon Brenner lässt sich nach Wien versetzen, da er hofft, seinen Antrag auf Frühpension durchzubringen. Dort lernt er den Betreiber einer Spendenfirma für Tierschutz kennen, der Brenner damit beauftragt, die Identität jener Person herauszufinden, die seit Wochen mit Stecknadeln preparierte Hundekekse im Augarten verteilt. Völlig überraschend wird eine junge Spendenkeilerin von einem frei laufenden Kampfhund zu Tode gebissen. Dieser Kampfhund wurde von seiner verstorbenen Besitzerin millionenschwer beerbt. Das Geld soll dafür verwendet werden, den ehemaligen Flakturm in ein Tierheim umzubauen. Durch die Attacke des Hundes ist dieser Plan, an dessen Durchführung auch hochrangige Persönlichkeiten beteiligt sind, gefährdet. Daraufhin verschwindet jene Tierpflegerin, die den Hund der Polizei ausliefern will, spurlos. Auch Brenner entgeht knapp einem Mordanschlag durch jenen Architekten, der auch die Tierpflegerin beseitigt hatte. Der Mörder wird im Zuge einer Rettungsaktion für Brenner vom Rotorblatt eines Hubschraubers getötet. Als Täterin im Fall der Hundekekse wird am Ende ein junges Mädchen entlarvt, die als Kind von einem Hund angefallen und verstümmelt worden war.

    Die Brenner Krimis

    Der alternde Privatdetektiv Simon Brenner ist die Hauptfigur einer 6-teiligen Romanreihe des zeitgenössischen österreichischen Schriftstellers Wolf Haas: „Auferstehung der Toten“ (1996), „Der Knochenmann“ (1997), „Komm´, süßer Tod!“ (1998), „Silentium“ (1999), „Wie die Tiere“ (2001) und „Das ewige Leben“ (2003). Bekanntheit erlangten vor allem die österreichischen Kinoverfilmungen von „Komm´, süßer Tod!“, „Silentium“ und „Der Knochenmann“ mit Josef Hader in der Hauptrolle des Simon Brenner.
     

    Rubrik Kultur & Freizeit | Ausgabe 04/09

    MediaDaten 2013

    MEDIADATEN 2013

    Hier können Sie unsere neuen MediaDaten für das Jahr 2013 downloaden.

    Download

    Cover 1105

    PDF-Downloads

    Hier können Sie die aktuelle & alle älteren Ausgaben als hochqualitatives PDF herunterladen.

    zu den PDF´s

    Design von Agentur die kueche   Internetlösung von dieSchraube